Das schwere Spiel?

Sekiro und die Easy-Mode-Debatte

Scheitern ist der beste Lehrer. Sekiro – Shadows Die Twice und die obligatorische Debatte über Schwierigkeitsgrade, Zugänglichkeit und künstlerische Intention.

Jedes Mal, wenn From Software einen neuen Titel veröffentlicht, ist sie da. Wie ein aufgekratzter Terrier, der seine Chance wittert, springt sie aus der Deckung und verbeißt sich in der Wade der öffentlichen Meinung. Immer wieder aufs Neue muss man sich ihr stellen, sie kläfft, bellt und jault, bringt ihr Anliegen lautstark vor und verzieht sich dann wieder hinter den Ofen der Entrüstung. Beim nächsten Titel ist sie dann wieder da. Gemeint ist die ewig wiederkehrende Diskussion über „zu schwere“ Spiele, die vermeintliche Unfairness, die Hürden der Zugänglichkeit und die Freiheit der Kunst und ihre Intention.

Die alte Leier

Ich hätte jetzt jedes beliebige Spiel der Gattung „Masocore“ als Beispiel nehmen können, schließlich bietet das Computerspieluniversum eine ganze Reihe Titel, die im Lauf der Jahrzehnte, den einen oder anderen zur Aufgabe oder gar zum Wahnsinn getrieben haben. Sei es durch den Schwierigkeitsgrad des Kampfsystems, die unerbittliche Härte der Spielwelt, die Unlösbarkeit von Rätseln, eine zu hohe Geschicklichkeit fordernde Steuerungsmechanik oder der schlicht zu hohe Anspruch des Gameplays allgemein. Denn beinahe jedes neue „schwere Spiel“ löst eine ähnlich gelagerte Diskussion um seine Spielbarkeit aus. Ich möchte an dieser Stelle aber nicht von Spielen wie Contra, Ghosts’n Goblins, Ikaruga, Super Meat Boy oder Cuphead (zum Angespielt-Artikel)und Konsorten sprechen. Ich habe mich aus aktuellem Anlass stellvertretend für die „Soulsborne“-Spiele des japanischen Entwicklers From Software entschieden, genauer gesagt für den jüngsten Spross, Sekiro – Shadows Die Twice (zum Test: Note 8.5).

Nicht nur, weil ich dieses Spiel aktuell selbst mit sehr viel Spaß und Inbrunst spiele und ich es für eines der faszinierendsten Werke der Gegenwart halte oder weil sich daran momentan die besagte Diskussion besonders entzündet, sondern vor allem, weil sich Sekiro in seiner Integrität und seiner Eigenschaft als Gesamtkunstwerk nahezu ideal dazu eignet, die Thematik und die Legitimation unterschiedlicher Anliegen zu durchleuchten, eventuelle Fehldeutungen zu klären und diffuse bis durchaus konkrete Forderungen nach Änderung oder Änderbarkeit richtig einzuordnen und wo nötig, zu relativieren. Die Standpunkte der aktuellen Debatte, die sich aus der Fachpresse, YouTube-Reviews, privaten Spiele-Blogs, den sozialen Medien, einigen Foren und Boards wie Reddit, Tweets oder Kommentare auf GamersGlobal zusammensetzen, lassen sich meiner Auffassung nach in fünf Lager beziehungsweise Positionen unterteilen, von denen jedoch nur drei die sachliche Auseinandersetzung mit der Thematik suchen und zwei eher extreme Ansichten vertreten. Letztere möchte ich nur der Vollständigkeit halber nennen, da ich später auf diese aus Gründen nicht mehr eingehen werde.

Die Diskutanten

Auf der einen Seite besagter „Extremisten“ haben wir eine zur Arroganz neigende, selbsternannte Hardcore-Spieler-Elite, die mit einer Sind-sie-zu-stark-bist-du-zu-schwach-Mentalität jeglicher Form von Zugeständnis regelmäßig Abfuhren erteilt. Diese Gruppe agiert dogmatisch und definiert sich als eine Art exklusiver Club in Abgrenzung zur „weichgespülten Casual-Masse“. Ihr Selbstverständnis erwächst rein aus der Fähigkeit, ein bestimmtes Spiel im Gegensatz zu anderen „weniger talentierten“ Spielern meistern zu können. Sie schieben häufig die vermeintlich eindeutige Intention des Entwicklers vor und haben oft das Gefühl, man wolle ihnen etwas wegnehmen. Dies zeigt sich häufig durch Hohn und Spott. Ihre Ignoranz speist sich aus dem illusorischen Zugehörigkeitsgefühl zu einer selbstherrlichen Minderheit, was sie für Argumente schwer bis gar nicht zugänglich macht.

Das andere Extrem stellt die „Entertainment-for-Everyone“-Fraktion dar. Diese Gruppe agiert ebenfalls dogmatisch, verfolgt jedoch einen eher populistischen Ansatz. Sie nimmt sich heraus, für alle zu sprechen, und ignoriert jegliche künstlerische Intention im Bereich Zugänglichkeit und Spielbarkeit. In ihrer Radikalität fordern die Akteure die Abschaffung von Hürden und Barrieren jeglicher Art, die der eigenen Spielerfahrung im Wege stehen könnten und das völlig ungeachtet eventueller inhaltlicher Notwendigkeiten. Jeder soll die Möglichkeit haben, jedes Spiel immer und überall so zu erleben wie er/sie es will oder kann, ungeachtet der eigenen Fähigkeit oder Zulänglichkeit, sei es auch nur Ungeduld oder Zeitnot. Das daraus abgeleitete Recht auf ein ungehindertes Spielerlebnis macht auch diese Position für Argumente unzugängli

Früher war alles anders

Nun wollen wir uns aber der tatsächlichen Debatte zuwenden und sehen, welche Argumente vorgebracht werden. Zunächst einmal können wir feststellen, dass eine derartige Diskussion bereits eine lange Tradition hat. Zumindest hat sie an Relevanz zugelegt, seit die Verbreitung von Casual-Spielen im modernen Sinne zugenommen hat. Früher, beispielsweise in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts, wurde eine derartige Debatte so nicht geführt. Ganz davon abgesehen, dass es sogut wie keine Plattformen für den globalen Austausch gab, war die Zahl der Spieler im Vergleich zu heute geradezu überschaubar. Lokale Duelle, Spielebörsen oder Diskussionen in Form von Magazin-Leserbriefen waren schon das Höchste der Gefühle.

Geht man in der Evolution der Videogames zurück in die Vergangenheit der Spielhallenkultur, stellt man schnell fest, die Intention der meisten Titel war, den Spieler mal mehr, mal weniger subtil dazu zu bewegen, so schnell wie möglich wieder Geldmünzen nachzuschieben. Man könnte sagen, beinahe jedes Spiel war also eine Herausforderung. Take it or leave it, war die Devise. Mit der Ära der Heimcomputer begann auch die bis heute andauernde Diskussion, ob Journalisten und/oder Spieletester gut genug sein müssen, um ein unter Umständen sehr forderndes Spiel zu beherrschen, um diese überhaupt bewerten zu können oder gar zu dürfen. Daraus erwuchs die Antithese, dass Spiele auch immer „spielbar“ sein müssten. Ich finde, solange ein Tester in der Lage ist, ein Spiel zu einem signifikant großen Teil selbst zu erfahren und zu erfassen, ist das vollkommen ausreichend. Wenn er aber, überspitzt gesagt, bereits am ersten Gegner dauerhaft scheitert und sich dennoch ein Urteil erlaubt, muss er sich nicht nur der Kritik von außen stellen, auch sollte er sich selbst fragen, ob er dem Spiel gegenüber fair gehandelt hat

Des Pudels Kern

Da sind wir auch schon mittendrin in der Debatte, die Forbes-Autor Dave Thier mit seiner provokanten Forderung nach einem Easy-Mode in Sekiro nicht unwesentlich befeuert hat. Er verbindet seinen Aufruf an den Entwickler gar mit der These, es wäre den Spielern gegenüber ein Zeichen von Respekt. Ich kann dieser Auffassung nicht zustimmen, im Gegenteil. Die Rezeption eines sogenannten „Schwierigkeitsgrades“ ist doch eine sehr subjektive. Auch kann ein Spiel zahlreiche Facetten von Schwierigkeit bieten, die sich nicht nur auf das Kampfsystem beschränken. Beispielsweise können Denkaufgaben so verquer designt, Spielcharaktere so unsympatisch oder die Story so abstrus sein, dass sie es dem Spieler unmöglich machen, weiterzuspielen.

Thiers Schreiberkollege bei Forbes, Erik Kain, hat nicht umsonst bereits am nächsten Tag darauf reagiert und seine eigene „Gegendarstellung“ veröffentlicht. Sicherlich auch, um dem Shitstorm entgegenzuwirken und das Meinungsbild des Magazins zu diversifizieren und zu relativieren. Der interessanteste Aspekt seiner Ausführung ist die auferlegte Spielerfahrung. From Softwares Lead Designer Hidetaka Miyazaki selbst sprach von der Absicht, dem Spieler ein Gefühl von Erfüllung durch das Überwinden von Schwierigkeiten zu vermitteln. Und genau darum geht es. Es setzt jedoch den Willen voraus, sich auf das Spiel einzulassen und durch ständiges Scheitern und beharrliches Üben letztlich zu triumphieren.


„Dunkle Zeiten liegen vor uns, und es wird eine Zeit geben, in der wir wählen müssen zwischen dem was einfach und was richtig ist.“ – Albus Dumbledore

Wenn also Dave Thier stellvertretend für das Lager der Vereinfacher steht, die auch mal gerne das Argument des ausgeschlossenen behinderten Spielers aus dem Ärmel ziehen – wobei dann meiner Meinung nach Zugänglichkeit mit Schwierigkeit verwechselt wird und im Übrigen bereits von Reddit-User Limitlessquad, der an Tetraplegie, einer Form der Querschnittslähmung leidet, klar widerlegt wurde – und Erik Kain den Standpunkt der Bewahrer der intendierten Spielerfahrung einnimmt, dann kann man Matt Thorson, Entwickler von Celeste (zu unserem Report der besten Spiele 2019 für die Switch), zur dritten Gruppe der Diskutanten zählen, nämlich zu den Kompromisten. Dieser hatte in einem Tweet Vorschläge zur optionalen „Vereinfachung“ von Sekiro gepostet, ähnlich dem Assist-Mode seines eigenen Platformers, womit er die Ansicht vertritt, dass durch Zugeständnisse beider Seiten, eine optimale Spielerfahrung geschaffen werden könne. In die gleiche Kerbe schlägt Kotaku-Autor Joshua Rivera. Er postuliert in seinem Artikel zum Thema, dass ein optionaler leichter Schwierigkeitsgrad noch kein Spiel ruiniert hätte. Jeder darf und kann doch damit seine ganz persönliche Art zu spielen praktizieren. Wenn einer die Herausforderung sucht, kann er sie haben, möchte er ein Spielerlebnis ohne Hürden, steht es ihm ebenso frei. Auch wenn Kompromisse im echten Leben stets vernünftig erscheinen, möchte ich im Folgenden erläutern, warum sie im Fall von Sekiro und im Grunde auch von Celeste nicht der Weisheit letzter Schluss sind.

Die Freiheit der Kunst

Wenn ein Spiel als schlüssiges Gesamtwerk für sich steht, gute Kritiken erntet (Sekiro: Metascore 90) und Setting, Story und Gameplay geradezu ideal miteinander verbindet, dann hat jeglicher Wunsch nach Änderung dieses optimalen Zusammenspiels eine Abwandlung des Spielerlebnisses, wenn nicht sogar des ganzen Spiels zur Konsequenz. Celeste als fordernder Arcade-Titel ist ebenfalls ein sehr gutes Beispiel hierfür, geht es in dem Plattformer doch um Depression, Selbstzweifel und Panikattacken, die auf geniale Weise in Form einer Metapher visualisiert werden. Der Kampf gegen die Krankheit wird mit dem beschwerlichen Aufstieg zu einem Berggipfel in Analogie gesetzt und dem Spieler durch das knifflige Leveldesign und dem fordernden Gameplay vermittelt. Der substanzielle Inhalt erzwingt quasi eine bestimmte Art der Umsetzung. GG-User Rohrkrepierer konnte in der letztjährigen Jahresend-Galerie der Enttäuschungen 2018 ein Lied davon singen.  

Worum geht es also? Eigentlich ja immer um eine ganz bestimmte Erfahrung. Das haben grundsätzlich alle Medien gemeinsam. Bei Buch und Film gibt es den Autor beziehungsweise Regisseur, also den Künstler, der mit seiner Herangehensweise eine bestimmte Absicht oder Aussage, kurz Intention verfolgt. Das Werk soll in seiner gedachten Form etwas im Rezipienten bewirken. Natürlich verändern auch Macher im Nachhinein ihr Werk, Bücher werden umgeschrieben und neu aufgelegt, Filme erhalten Director’s Cuts, etc. Auch ist der Gedanke, alle Werke so vielen Menschen wie möglich zugänglich zu machen, durchaus löblich. Das wird heutzutage aber nicht nur durch die schiere Zahl an Spielen relativiert. Jeder, der eine bestimmte Spielerfahrung sucht, findet diese auch, irgendwo. Auch würden ganz bestimmte Erfahrungen, die einem Spiele schenken können, damit verloren gehen.

Ich kenn mich ja, würde Sekiro einfachere Modi bieten, bin ich mir nicht sicher, ob ich nach stundenlanger Verzweiflung an Lady Butterfly, nicht doch mal auf Easy stellen würde. Dadurch würde mir aber etwas Entscheidendes genommen. Das, was mich kurz vorm Schlafengehen an einem Zwischenboss scheitern ließ und mich den nächsten Tag auf Arbeit immer wieder beschäftigte, indem ich Strategien und Taktiken im Kopf wälzte, mir Herangehensweisen zurechtlegte, nur um dann mit frisch erblühter Motivation am Abend den Gegner problemlos zu schlagen. Ohne diese Herausforderung hätte mich die Spielwelt oder die Story allein bei der Stange halten müssen, ähnlich einem Tomb Raider oder Assassin’s Creed, was durchaus in Ordnung, jedoch eben ein anderes Spiel gewesen wäre.

Für den achtsamen Spieler bietet Sekiro zahlreiche Möglichkeiten in Form von Gadgets, Items und Ausrüstung, sich das gefährliche Shinobi-Leben leichter zu machen. Bevorstehende Angriffe und Aktionen der Gegner sind zudem ähnlich einem Quick-Time-Event für Fortgeschrittene an subtilen optischen und akustischen Warnhinweisen abzulesen.

Scheitern als Chance

Sekiro geht einen anderen Weg. Selbst Soulsborne-Veteranen, die sowohl Dark Souls 1-3 (zu den Tests DS1, DS2, DS3) als auch Demon’s Souls (zum User-Test) und Bloodborne(zum Test: Note 9.0) mehrfach durchgespielt und auf hohen Schwierigkeitsgraden gemeistert haben, können sich in Sekiro wie blutige Anfänger fühlen. Das liegt in erster Linie natürlich am veränderten Kampfsystem, das zugunsten von Haltung und Parieren auf Ausdauer und Deckung im klassischen Sinne verzichtet und Passivität bestraft. In einem Gespräch letztens traf GG-User Brion Zane den Nagel auf den Kopf: „Du kannst nicht warten bis der Gegner verliert, du musst vorher gewinnen!“ Ich selbst habe auch Nioh (zum Test: Note 8.0) und Lords of the Fallen (zum Test: Note 7.5) erfolgreich abgeschlossen, doch konnte mir auch diese Expertise in Sekiro erstmal nicht wirklich weiterhelfen. Hierin sehe ich die Weiterentwicklung von From Software als kreatives Studio. Seit Demon’s Souls versuchen die Japaner, zwar nur behutsam aber doch stetig, die Zugänglichkeit ihrer Spiele für ein breiteres Publikum zu öffnen. Sekiro macht hier sogar einen relativ großen Sprung.

Eine nachvollziehbare Geschichte, echte Tutorials, klare Itembeschreibungen und ein untoter Kampftrainer, mit dem man freigeschaltete Techniken ohne negative Folgen immer und immer wieder einüben kann. Trotz der anfänglichen Skill-Wall bemüht sich das Spiel, mir im Laufe der Handlung regelmäßig Erleichterungen in Form von aktiven und passiven Fähigkeiten sowie Gadgets, Spezialmunition oder besonderen Gegenstände zukommen zu lassen. Den Easy-Mode in Sekiro findet man nicht in den Einstellungen. Man wird selbst dazu.  

Wie ich bereits erwähnte, setzt das die Bereitschaft voraus, sich mit dem Titel intensiv auseinanderzusetzen. Habe ich keine Zeit oder noch weniger Geduld, muss ich mich selbst fragen, ob das Spiel etwas für mich ist, schließlich ist die Palette spielbarer Titel mit ähnlichem Setting groß genug, sodass ich nicht gezwungen bin, eine Vereinfachung zu fordern. Jenen, die das doch tun, spreche ich diese Bereitschaft ab. Von den Machern eines Horrorfilms erwarte ich schließlich auch nicht, dass sie eine weniger gruselige Version schneiden, nur damit ich die ganze Geschichte ohne Gänsehaut erleben kann. Was ich aber von einem Spiel erwarten kann, ist das Schaffen von Rahmenbedingungen, die dem Spieler die notwendige intensive Auseinandersetzung oder die geforderte Beharrlichkeit nicht nur barrierefrei ermöglichen, sondern diese auch konsequent schmackhaft machen und ihn motivieren. Hidetaka Miyazaki hat das mal in einem Interview mit dem Unterschied zwischen einem deftigen Eintopf und frittiertem Fingerfood verglichen. „Ein guter Eintopf braucht eben ein paar Tage, bis er perfekt ist. Das frittierte Essen ist schnell zubereitet und steht gleich zur Verfügung. Beides kann sehr lecker schmecken. Man muss nur die Wahl treffen, auf was man Lust hat.“

From Software Fun-Fact: Während der Entwicklung von Demon’s Souls versuchte das Team von From Software, die Tatsache des sehr knackigen Schwierigkeitsgrades so lange wie möglich vor Sony geheimzuhalten. Erst kurz vor der Fertigstellung und als der Point-of-no-Return überschritten war, wurde der Publisher voll und ganz eingeweiht. Die Entwickler befürchteten Sonys Einflussnahme samt umfassender Konzeptänderungen, die eine weitreichende Einschränkung ihrer künstlerischen Freiheit und der Intention bedeutet hätte. Von den Japanern als Nischenprodukt im Ausland kalkuliert, wurde Demon’s Souls komplett ohne Marketing zum Millionen-Seller in den USA. Der Rest ist Geschichte.

Der Weisheit letzter Schluss

Jörg Langer wäre bei seiner Wahl des nächsten Let’s Plays zu Demon’s Souls, das erstmals auf GG exklusiv für Crowdfunder angeboten wird, ja auch nie auf die abwegige Idee gekommen, From Software für das fordernde Kampfsystem von Sekiro zu rügen, vielmehr hat er sich vernünftigerweise für einen anderen Titel entschieden (zu Sekiro – Die Viertelstunde). Wobei ich mir ziemlich sicher bin, dass er unter anderen Umständen und mithilfe seiner berüchtigten Beharrlichkeit es dennoch hätte meistern können. Einige jedoch, die es gerne einfacher hätten, haben sich womöglich kaum bis gar nicht auf das Spiel eingelassen. Sie waren schlicht nicht bereit, sich dem „Tanz“ zu stellen, den Sekiro in der kämpferischen Auseinandersetzung mit jedem einzelnen Gegner so kunstvoll inszeniert hat. Natürlich vereinfacht bereits die hervorragend umgesetzte Stealth-Mechanik das Spiel. Neben der nicht besonders smart agierenden KI lassen sich Objekte in der Umwelt, diverse Glitches, triggerbare Skripte oder reproduzierbare Fehler im Gegnerverhalten für den eigenen Vorteil nutzen. Und wer wirklich nicht anders kann, dem stehen mit der PC-Version auch genügend Cheats und wirkungsvolle Trainer-Tools zur Verfügung. Nun ja, wer’s braucht.  

Luft nach oben jedoch bietet Sekiro von Haus aus. Im Grunde läuft der erste Durchgang des Spiels bereits im einfachsten Modus. Dieser lässt sich im Lauf der Handlung, zumindest was die Stärke und Schwierigkeit der Gegner angeht, um eine Stufe erhöhen, indem ihr im Glocken-Dämon-Tempel eine riesige Glocke läutet. Dieser Anstieg des Schwierigkeitsgrades lässt sich aber wieder rückgängig machen. Eine noch höhere Schwierigkeitsstufe kann durch das New-Game-Plus-Feature erreicht werden. Auch wenn ich selbst noch lange nicht so weit bin und noch eine ganze Menge lernen muss, halte ich es durchaus für möglich, dass das alles zu bewältigen ist, wenn man ein gewisses Grundverständnis für die Spielmechanik mitbringt. Mit unermüdlicher Übung und unerschütterlicher Beharrlichkeit lässt sich Sekiro meistern. Irgendwann hat man dieses außergewöhnliche und brilliant umgesetzte Kampfsystem, das in diesem Genre und darüber hinaus seinesgleichen sucht, verinnerlicht und es macht Klick. Jörg Luibl von 4Players hat das in seinem Test zu Sekiro – Shadows Die Twice mehr als treffend formuliert. Er zitiert aus dem Buch der Fünf Ringe, einer klassischen Anleitung für taktischen Kampf und strategisches Handeln von Miyamoto Musashi, dem legendärsten Samurai des 17. Jahrhunderts:

„Der Weg der Schwertkunst heißt, aus sich heraus Überlegenheit zu erlangen und, wenn die Zeit gekommen ist, den Rhythmus zu kennen, zuzuschlagen wie von selbst, zu treffen wie von selbst.“


„Der Weg des Schwertes ist der Weg des Selbstverständlichen. Tut einer das Selbstverständliche, erwächst ihm ungewöhnliche Kraft.“ – Miyamoto Musash

Für eine radikale demokratische Transformation

Im „Techlash“ formiert sich der Zorn auf Macht und Einfluss der digitalen Konzerne. Oft läuft der Protest allerdings ins Leere, weil viel zu wenige echte Veränderungen fordern.
Die Feststellung, dass der „Techlash“ – unser böses Erwachen, was für gigantische Macht die Technologieunternehmen haben – von Monat zu Monat an Kraft gewinnt, ist schon eine Binse. Der plötzliche Rückzug von Amazon aus New York City, wo die Eröffnung eines zweiten Hauptsitzes geplant war, zeigt, wie rasch sich das politische Klima verändert hat. Die New Yorker hatten offensichtlich keine Lust, fast 3 Milliarden Dollar an Subventionen auszugeben, um Amazon anzulocken, ein Unternehmen, das, nachdem es 2018 11,2 Milliarden Dollar an Gewinnen erzielt hat, keine Steuern auf diese Einnahmen gezahlt hat und es sogar geschafft hat, 129 Millionen Dollar an Steuerrückzahlungen zu bekommen.
Die meisten Berichte über die wachsende Anti-Silicon-Valley-Stimmung ignoriert allerdings die immensen Unterschiede der politischen und ideologischen Kräfte, die diesen Techlash antreiben. Um einen russischen Klassiker zu paraphrasieren, während alle glücklichen Apologeten von Big Tech gleich sind, sind all ihre Kritiker auf ihre eigene Weise unzufrieden. Diese Kritiker, vereint durch ihren Hass auf die digitalen Riesen, bilden kurzfristige taktische Allianzen, die auf lange Sicht allerdings keinen Bestand haben.
Prinzipiell kann man die derzeitige Anti-Tech-Bewegung in drei Lager aufteilen. Die decken fast das gesamte politische Spektrum ab, von der marktfreundlichen neoliberalen Rechten bis zur solidarischen sozialistischen Linken. Auch wenn die prominentesten Figuren der Linken noch eine schärfer definierte Position einnehmen müssen.

In Brüssel klammert man sich an eine Bürokratie, die vor hundert Jahren erfunden wurde

Die beiden bekannteren Strömungen des Techlash sind das, was man „Ökonomismus“ und „Technokratie“ nennen kann. Die Befürworter der ersteren fordern, dass die Wertschöpfungskette der digitalen Wirtschaft durchbrochen wird: Den Nutzern werden systematisch ihre Daten abgeluchst. Daher der Vorschlag, sie zu kompensieren. In einer Rede Mitte Februar forderte der neue Gouverneur Kaliforniens Gavin Newsom von den Technologieriesen, sich mit der Idee einer „Datendividende“ zu beschäftigen. „Kaliforniens Verbraucher“, sagte er, „sollten auch an dem Reichtum teilhaben können, der aus ihren Daten entsteht.“

Dieser Widerstand ist reiner „Ökonomismus“, weil er keinen Raum für Technologiekritiken lässt, die von anderen als ökonomischen Argumenten getrieben wird. Das einzige Machtverhältnis, das in diesem politischen Universum kritisiert wird, ist das zwischen Unternehmen und Verbrauchern. Da gibt es keine Bürger, geschweige denn soziale und öffentliche Institutionen. Das dürfte die politische Macht von Big Tech nur noch stärken. Verbraucher würden jede Expansion der Konzerne bei diesem Modell ja sogar begrüßen: Je größer die Technologieunternehmen, desto größer die Datendividenden. So innovativ es auch klingen mag, es ist ein äußerst konservativer Ansatz, der alles so lässt, wie es ist, und den Verbrauchern halt ein paar Almosen zukommen lässt.

Die „Technokraten“ des zweiten Lagers unterscheiden sich kaum von den Anhängern des Ökonomismus. Auch sie glauben an die Tugenden freier und wettbewerbsfähiger Märkte. Sie wollen die Macht der Big-Tech-Konzerne vor allem mit dem Kartellrecht einhegen. Falls nötig, sollen die Unternehmen aufgelöst werden. Auch in diesem Lager überwiegt die wirtschaftliche Rhetorik, zum Beispiel die Überlegungen, wie Großunternehmen die Innovationsbemühungen kleinerer Akteure ausbremsen.

Ein solches Denken ist in Washington in Mode, wo neue abtrünnige Think-Tanks wie das Open Markets Institute versuchen, den laxen Umgang mit Kartellgesetzen der letzten vierzig Jahre zu revidieren. Brüssel ist für solche Überlegungen noch offener. Die Europäische Kommission mit Margrethe Vestager als Kommissarin für Wettbewerb ist da die Speerspitze gegen den Monopolismus. Die jüngste Entscheidung des deutschen Kartellamtes, die Facebook untersagt, die Daten von Drittanbieter-Applikationen ohne ausdrückliche Zustimmung des Nutzers zu bündeln, folgt ähnlichen Argumenten.

Es reicht nicht, die Monopole zu zerschlagen, um effizientere Märkte zu schaffen

Solche technokratischen Lösungen reichen allerdings nicht, um eine post-technokratische Vision für eine Welt voller Daten zu entwickeln. Die Technokraten klammern sich an ein zentralisiertes, starres und stark bürokratisches Modell, das vor rund hundert Jahren erfunden und erstmals angewandt wurde. Es stimmt wahrscheinlich, dass zehn kleinere Facebooks weniger Schaden anrichten würden als das heutige Facebook. Das ist aber noch kein politisches Programm.

Die Forderung nach der Auflösung von Technologieriesen ist in Ordnung, aber welche nichtkommerziellen Institutionen und Arrangements sollte es in einer gerechten digitalen Gesellschaft geben, in der weder Facebook noch Google die dominante Rolle spielen? Ohne Antwort entpuppt sich die technokratische Agenda hier als bloßer Ökonomismus in geschickter rhetorischer Verkleidung: Die grundlegende Frage, was uns in einer Welt jenseits von Big Tech erwartet, soll durch den Wettbewerb selbst beantwortet werden.

Was also ist der aktuelle Stand der dritten und im Moment am wenigsten sichtbaren Strömung der Techlash-Debatte? Seine Anhänger, die sich derzeit in einer Ansammlung von radikalen kommunalen Bewegungen organisieren, predigen weder Märkte noch Technokratie, sondern vielmehr eine radikale demokratische Transformation. Sie gehen nicht davon aus, dass der Wettbewerb immer die richtige Antwort ist. Stattdessen revidieren sie die Frage selbst. Es geht ihnen weniger darum, Missstände von Big Tech zu beheben, sondern um eine fortschrittliche digitale Zukunft.

Was könnten digitale Technologien dazu beitragen, politische Institutionen, einschließlich der repräsentativen Demokratie und ihres bürokratischen Apparats, dezentraler und partizipativer zu gestalten? Die Vertreter dieser Ansicht stellen sich die Bürger nicht als kultivierte und emanzipierte Verbraucher vor, die von ethischeren digitalen Kapitalisten der Zukunft bedient werden, sondern als aktive, politische und gelegentlich auch unternehmerische Subjekte.

Eine Vision für die digitale Zukunft formulieren, statt die Vergangenheit zu verteidigen

Sobald sie uneingeschränkten Zugang zu den fortschrittlichsten Technologien und ein Mindestmaß an Ressourcen bekommen haben, werden diese Bürger darauf angewiesen sein, effektive Lösungen für genau die Probleme zu finden, die derzeit Planer und Bürokraten so verwirren. Sie könnten sogar neue Dienste erfinden, sowohl kommerzielle als auch nichtkommerzielle, die derzeit schwer vorstellbar sind, da der Zugang zu den wichtigsten Ressourcen der digitalen Wirtschaft – Daten, Identität, künstliche Intelligenz – streng kontrolliert wird.

Im Gegensatz zum Ökonomismus und zur Technokratie zielt dieser dritte Ansatz nicht darauf ab, effizientere Märkte zu schaffen. Vielmehr stellt er infrage, dass Daten und künstliche Intelligenz als Waren und nicht als kollektive und soziale Ressourcen behandelt werden. Auf diese Weise sollen diejenigen gestärkt werden, die von den Schlüsselpositionen in der digitalen Wirtschaft und der Bürokratie gleichermaßen ausgeschlossen sind.

Angesichts eines wieder auflebenden rechtsgerichteten Populismus, der die Tugenden des unreformierten Verwaltungsstaates durchaus berechtigt infrage stellt, würde eine progressive Bewegung nicht sehr weit kommen, wenn sie lediglich die Rückkehr zum technokratischen Apparat des New Deal oder zum Wohlfahrtsstaat verspricht. Ähnliche haben die Befürworter des „Ökonomismus“ einen steilen Weg vor sich, denn sie predigen die Vertiefung der neoliberalen Agenda in einer Zeit des wachsenden Widerstandes gegen Globalisierung, Ökonomisierung und Steuerhinterziehung.

Der Weg für die unentschlossenen Bewegungen der Linken ist klar: Wenn sie wirklich vom neoliberalen Dogma mit seinem Beharren auf Wettbewerb als übergreifendem politischen und sozialen Instrument der Moderne abweichen wollen, sollten sie den rhetorischen und ideologischen Versuchungen des „Ökonomismus“ und der „Technokratie“ widerstehen und sich für eine radikale demokratische Transformation einsetzen.

Es könnte der ehrgeizigste der drei Wege sein. Bei aller Utopie ist er jedoch der einzige, der es den Kräften der Linken erlaubt, mit der bloßen Verteidigung der Vergangenheit aufzuhören und eine gerechte, faire und egalitäre Vision für die digitale Zukunft zu formulieren. Sollten sie scheitern, würde der rhetorische Raum nicht leer bleiben: Die rechten Populisten würden ihn rasch füllen. Natürlich ohne Gerechtigkeit und Egalitarismus.

Text von Evgeny Morozov