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„dieses“ oder „diesen“? – Wie denn nun?

Eine populärlinguistische Klarstellung

Liebe Freunde und Sprachgenossen,

ohne aus der sprichwörtlichen Mücke einen linguistischen Elefanten machen zu wollen, wäre mir doch danach, in aller gebotenen Bescheidenheit, etwas Licht in die offensichtlich getrübte Suppe scheinklarer Grammatikauffassungen zu bringen. Da sich hierzulande mittlerweile der hoffnungslos unrevidierbare Irrglaube durchgesetzt zu haben scheint, es existiere soetwas wie eine einheitliche deutsche Grammatik, welche objektive Beurteilungen von Richtig und Falsch zuließe, geboren aus sicher nachvollziehbaren Bedürfnissen von Pragmatik und Ordnung, fühle ich mich zur Relativierung gehalten. Ich werde jedoch keinesfalls die zweckmäßige sprachstrukturelle Systemintegration diverser Medien in die deutsche Rechtschreibung kritisieren; nichts liegt mir ferner. Denn ja, auch Germanisten ist der Duden bekannt, auch wenn in manchen Kreisen der Duden als die BILD-Zeitung der Sprachwissenschaft gilt. Nun aber zum Thema:
Ich picke hier einen speziellen Fall des Sprachwandels heraus, ja „Wandel“ und nicht „Verfall“, wie so mancher selbstgerechte Dudenverfechter insistieren würde, genauer den Wandel von adjektivischer und pronominaler Flexion innerhalb der Genitiv-Nominalphrase, respektive der Demonstrativpronomina im bekannten Zweifelsfall „dieses Jahres“ bzw. „diesen Jahres„. Gerne wird oberflächlichen Erklärungsversuchen Glauben geschenkt, die die starke Beugung propagieren, die aber auch nur zu gerne die Flexibilität und innere Dynamik des Systems negieren. Ja, in der Tat, so werden Pronomen von Adjektiven abgegrenzt, Stichwort „Kasusmarkierung“, doch gibt es nun mal unstrittig auch beobachtbare Entwicklungen, die als Resultat eines tendenziellen Abbaus von Markiertheit zu werten sind und zwar dort, wo es sich das System leisten kann. (Vgl. Sprachwandel und Entwicklungstendenzen als Themen im Deutschunterricht – von Karl-Heinz Siehr).  Schwache Flexion ist OK, der Gebrauch von „diesen“ zeigt also eher ein sicheres Gespür des Sprechers für ökonomische Konstruktionen im Rahmen einer partiellen Degrammatikalisierung. Im 19. Jahrhundert wurde soetwas noch als „Aufgabe der rechten Form zugunsten des Wohlklangs“ bezeichnet. Bestärkend wirkt hier zusätzlich die Tatsache, dass das Demonstrativpronomen „dieser“ in der hier diskutierten Verwendung weniger determinative als modifizierende Funktion hat, ähnlich dem Adjektiv „solch„. „Dieser“ entwickelte sich in bestimmten Konstruktionen zu einem demonstrativen Adjektiv mit der Bedeutung „laufend, gegenwärtig„.
Was ich also hiermit zum Ausdruck bringen möchte ist weniger ein Appell als ein Versuch der Konsensbildung hinsichtlich unterschiedlichen Sprachgebrauchs. Kurz gesagt, es geht beides. Selbstverständlich ist eine Einigung innerhalb eines journalistischen Komplexes auf die eine oder andere Variante vorteilhaft und wünschenswert, jedoch nicht auf der Grundlage von Richtig oder Falsch.

  Labrador Nelson für N E T Z P U N K – 12.08.2011