Monthly Archive for April, 2012

Panzer auf der Poleposition

Bahrain und der blutige Grand Prix

Man solle Sport nicht mit Politik mischen, meint Ecclestone. Diese Auffassung ist nicht nur bereits seit den Olympischen Spielen 1936 ad absurdum geführt, sie ist auch kaum an Ignoranz und Zynismus zu überbieten. Ja nee, is klar, man will auf die Öcken nicht verzichten, nur sollte man das dann auch sagen und nicht mit auf pseudonaiv gebürsteten Vergleichen mit anderen Ländern und Krisenherden um den heissen Brei herumtänzeln und erfolglos versuchen, die Diskussion im Keim zu ersticken. Bahrain ist nun mal ein menschenverachtendes, diktatorisches Regime, welches im Windschatten Saudi-Arabiens gerade in den letzten Jahren verstärkt versucht, sowohl die politische Opposition als auch alle sonstigen kritischen Stimmen im Land in Blut zu ersticken.

Mit deutschen Waffen, Panzern und Lizenzen geht das sogar noch doppelt gut. Die aktuellen verurteilungswürdigen Panzerlieferungen der deutschen Regierung an Saudi-Arabien und die dortige Aufbauhilfe für eine Waffenfabrik sowie die Erteilung einer „Heckler&Koch-Fertigungslizenz“ unterstützen direkt das harte Vorgehen der Herrscherfamilie gegen das eigene Volk im kleinen Nachbarland des großen Saudischen Wüstenstaates, welcher auf Anfrage nach Kriegsgerät und Waffenpersonal nur zu gern „Amtshilfe“ leistet. Die fadenscheinige und realitätsfremde Begründung ist wie immer die angebliche Stabilisierung der Region. Diese Heuchelei scheint jedoch so dermaßen durchsichtig, dass die Merkel-Regierung sich weiterhin nicht traut, vor dem eigenen Parlament Stellung zum Geheimdeal zu beziehen.

Unsäglich ist auch die „Kritik“ aus dem Formel1-Zirkus. Wenn sich überhaupt jemand traut, ein Wort darüber zu verlieren, dann geht es beinahe ausschliesslich um die Sicherheit der Teams und deren Angehörigen. Nicht dass das verwerflich wäre, es ist die Reduzierung, und mit Blick auf das entrechtete bahrainische Volk – unanständig.

Wenn wir schon bei unanständig sind. Helmut Schmidt rügte heute in Hamburg die Position der Bundesregierung zu den enthemmten Waffenlieferungen und kritisierte den Deal mit den Saudis und Israel. Aus dem Formel1 Dunstkreis war bisher nur eine anonyme Stimme zu hören, die einen störungsfreien Ablauf des Grand Prix nur bei gleichzeitiger militärischer Abriegelung gewährleistet sieht. Und das wäre laut Angaben selbst für hartgesottene Rennsportenthusiasten inakzeptabel. So die Hoffnung. Die Scheichs von Bahrain werden auf die Millionen von Dollar kaum verzichten wollen, die durch das Rennspektakel in ihre Monarchie gespült wird. Was wird geschehen? Ruhe vor dem Sturm. Morgen gehts los! Die Menschen in Bahrain werden auf die Straße gehen, die Opposition wird sich nicht mundtot machen lassen. Sie wollen stören, demonstrieren und sich Gehör verschaffen: „Ihr fahrt auf dem Blut der Märtyrer!“ Na dann viel Glück auf der Poleposition, Herr Vettel!

Labrador Nelson für N E T Z P U N K – 21.04.2012
 

 

 

Zu Grass für diese Welt?

Ich kann auch nicht länger schweigen. So, jetzt aber Spaß beiseite. Die Beobachtung der Medienlandschaft dieser Tage zum Thema Günter Grass lässt zumindest einen Schluss zu: Die Presse kann nicht (mehr) mit Intellektuellen und ihren Stellungnahmen umgehen. Konnte sie das jemals? Gut, ist ne andere Frage. Hier drängt sich sicherlich noch die Vermutung auf, dass sie das eventuell gar nicht will, jedenfalls die nicht, die dazu vielleicht noch kognitiv in der Lage wären. Grass selbst spricht von Gleichschaltung. Soweit muss man aber gar nicht gehen, das Eigeninteresse, die Verflechtungen und Verknotungen der Konzernmedien und ihr daraus erwachsenes Selbstverständnis erzwingen geradezu diese Haltung. Zumindest vorerst. Dass diese „point of view“ von Heuchelei, Moralapostelei und einer strikten Weigerung der Auseinandersetzung mit Inhalten, sowie Etablierungsversuchen von Pseudo-Tabus geradezu überfließt, könnte ja amüsant sein, wenn es nur nicht so traurig und skandalös wäre. Das gebashte Gedicht muss lediglich gelesen werden, sonst nichts, steht ja alles drin. Ob es dazu mehr zu sagen gäbe? Na klar, endlich! Aber sicher nicht zu Grass‘ Person, Intention, Biografie, Motivation oder sonstigem persönlichen Antrieb, schon gar nicht zum geistigen Zustand, seiner angeblichen Stellung als Schriftsteller in der Gesellschaft, wo er gefälligst zu bleiben habe, etc. Er solle lieber seine „letzte Tinte“ für einen guten Roman aufsparen und sich nicht zur Politik äußern. Na sowas. Im Netz regt sich Widerstand. Mögen viele Provinzblättchen von der Welle an Leserbriefen wirklich noch überrascht worden sein, die deutliche Kritik an der „Kritik“ übten, so sind Lobbyisten einer faschistischen, zerstörerischen und tabuisierten Nahostpolitik woanders leicht auszumachen. Es sind die üblichen Verdächtigen. Und noch was: Womit eine Demokratie im übrigen klarkommen muss, ist der Applaus von falscher Seite.

Die Erwartung, Grass solle lieber Romane schreiben, wofür man ihn ja so liebe und wofür er schliesslich auch den Nobelpreis erhielt, ist albern, respektlos, dumm und zeugt von Ignoranz. Mich erinnert das stark an die dummdreist arroganten und teils schwachsinnigen Reaktionen auf die Anti-Kriegs-Tournee von Crosby, Stills, Nash & Young. Die sollten auch ihre tolle Musik spielen, aber Äußerungen von senilen Althippies zur aktuellen Politik? Nein danke! Mit dieser Diskrepanz im eigenen Gehirn müssen die Betroffenen leben, ich könnte es nicht. Ich nenn ja sowas gern und lapidar: Ins Hirn geschissen! Kritik ist hier natürlich erwünscht! 😉

Grass‘ Gedicht scheint eindeutig zu hoch für schlichte Gemüter. Unbemerkt bleibt die feine Ironie im Titel. Er bedient sich deutlich und plakativ rechter Formulierung, man erinnere sich an Sarrazin, nimmt oberflächliche Stilkritik vorweg und disqualifiziert so den Applaus aus brauner Ecke bereits im gleichen Wort. Man kann nun Grass alles vorwerfen, nur keinen Antisemitismus. Wer Netanjahu zum Gedicht befragt ist selber schuld! Dass der „Weltfrieden“ nicht nur brüchig ist, sondern eher kaum vorhanden, dazu braucht es kein Gedicht, das ist Wirklichkeit. Dass es gemeingefährliche Kriegstreiber in Israel gibt, so wie woanders auch, nur entschlossener, bereiter aber gleichzeitig geschützt und unantastbar, ist auch Wirklichkeit. Allein nur diese Tatsache zu tabuisieren ist das „no-go“, es ist die pervertierte Spitze einer verqueren Moralinszenierung, die den Unterdrückten, Besetzten und allen Leidtragenden zynisch ins Gesicht schlägt. Ja, es ist Zeit für eine Thematisierung und für eine würdevolle Diskussion, gerade angesichts unserer Geschichte. Der Holocaust ist Mahnung und kein Freibrief für eine Hetzjagd. Bitte keine Instrumentalisierung, Aufrechnung oder sonstige Unsachlichkeit mehr. Und ja, reden wir darüber, bevor es wirklich zu spät ist.

  Labrador Nelson für Netzpunk – 06.04.2012